Schluss mit dem Karrierewahn

Schluss mit dem Karrierewahn

Alles tun für den Lebenslauf? Unser Autor Daniel ist der Meinung, dass es auch andere Dinge im Leben gibt:

Noch bevor meine Kommilitonin Milena die Zusage für ihr Praktikum realisiert hat, veröffentlicht sie diese Information bei Facebook. Auch den Ort des Praktikums teilt sie ihrem digitalen Freundeskreis mit: ein TV-Sender in New York. Ja, richtig gelesen, New York. Die Zeiten, in denen man sich mit einem Praktikum im Stadtrat von Wanne-Eickel begnügt hat, sind vorbei. Heute muss ein Praktikum Glamour haben. Wenn es schon nicht London, Paris oder New York sein können, dann doch wenigstens Berlin; im schlimmsten Fall sind auch Hamburg oder München in Ordnung, aber bloß nichts darunter.

Praktika haben in den vergangenen Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen. Waren sie früher eine Möglichkeit, in ein Berufsfeld zu schnuppern, sind sie heute zu einer Pflichtübung während des Studiums mutiert. Praktika sind die Statussymbole, die einen Lebenslauf aufwerten. Diese Botschaft scheinen Studenten wie Milena gebetszyklisch verinnerlicht zu haben. Jede freie Sekunde außerhalb des Studiums wird von ihnen dazu genutzt, durch Praktika oder berufsqualifizierende Seminare an der eigenen Karriere zu schrauben. 25 Jahre alt und zehn Jahre Berufserfahrung? Mit genügend Ehrgeiz kann man alles erreichen.

„Das Klischee vom faulen Party-Studenten ist längst überholt“

Dass dieser Ehrgeiz auf Kosten der eigenen Freizeit geht, stört nicht. „Schlafen kann ich auch noch, wenn ich tot bin“ ist Milenas Lebensphilosophie; und sicherlich findet sich auch eine Lösung für andere Dinge. Leben kann man auch noch, wenn man alt ist; oder so ähnlich. Das Klischee vom faulen Party-Studenten ist längst überholt. Nachdem uns Studenten jahrelang eingetrichtert wurde, dass viele Studienabsolventen wenigen offenen Stellen gegenüberstehen, hat sich das Selbstbild der Studentenschaft verändert. War ein Studium früher eine akademische Ausbildung, ist es gegenwärtig zu einer beruflichen Einstiegsphase geworden. Ein guter Abschluss allein reicht nicht mehr. Dass Studenten immer häufiger unter Burnout leiden, überrascht nicht.

Es sind jedoch nicht nur die hohen Erwartungen an sich selbst, die Studenten unter Druck setzen. Es ist auch der Wettbewerb untereinander. Man kann noch so erfolgreich sein – solange es jemanden gibt, der besser ist, hat man das Spiel verloren. Für Studenten wie Milena ist es deshalb existentiell, sich mit anderen zu vergleichen. Genau dies ist der Grund, warum auch Milena sich ab und zu auf Partys blicken lässt. Komme ich dort mit ihr ins Gespräch, kennt sie nur ein Thema: Karriere. Schließlich will sie herausfinden, ob ihr Alptraum wahr geworden ist und sie jemand auf der Karriereleiter überholt hat. Was wäre dann? Ihre berufliche Zukunft ist das Einzige, worüber sich Milena definiert.

Wer weiß, ob sie diese Einstellung nicht eines Tages bereut.

 
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