Kolumne: Driving Home for Christmas

Kolumne: Driving Home for Christmas

Einerseits freut sich unser Autor Daniel, wenn er an Weihnachten nach Hause in die Provinz kommt. Andererseits gleichen diese Besuche einer Identitätskrise: „Wie habe ich in diesem Kaff 20 Jahre durchgehalten?“ Eine Bestandsaufnahme.

Ein wenig wird mir – ganz kitschig – warm ums Herz, wenn am Horizont plötzlich zwischen dichten Wäldern meine Heimatstadt zu sehen ist. Vielleicht auch deshalb, weil sich in diesem Moment das Ende einer mehrstündigen Bahnodyssee ankündigt, bei der ich jede Milchkanne im Sauerland bewundern durfte. Doch spätestens, wenn ich meinen kleinen Rollkoffer über die Schlaglochpiste auf dem Weg zum Taxistand ziehe, still hoffend das mein Laptop dieser Herausforderung gewachsen ist, weiß ich wieder, wo ich gelandet bin. In der tiefsten Provinz.

Erzähle ich im Taxi meinem Kurzstreckenchauffer, dass ich eigentlich in Düsseldorf lebe und nur zu Besuch sei, erlebe ich stets zwei Reaktionen. Zunächst erfahre ich eine gewisse Faszination für meinen aktuellen Wohnort. Düsseldorf. Welch Glamourmetropole. Ein Ort, wo Edeka auch nach 18 Uhr geöffnet hat und man nicht zu Mc Donald’s gehen muss, um internationale Küche zu genießen. Doch diese Begeisterung weicht schnell einer Distanzierung. „Aber am Ende freut man sich doch, wieder zu Hause zu sein, oder?“, heißt es ganz unvoreingenommen. Klar, Düsseldorf sei sicher aufregend, aber hier gebe es doch auch C&A und Woolworth. Das reiche doch zum Glücklichsein.

Meiner Mutter reichen dagegen schon die nachmittäglichen Telenovelas fürs persönliche Glück. Betrete ich die Wohnung, treffe ich sie zielsicher auf dem Sofa vor dem Fernseher an. Ein vertrautes Bild. Es ist, als wäre ich höchstens eine halbe Stunde und kein halbes Jahr weg gewesen. Zwar folgt auf meinen Eintritt in die Wohnung eine überschwängliche Begrüßung samt Bestandsaufnahme à la „Erzähl doch mal!“, doch rasend schnell kehrt hier ein vertrauter Alltag ein. Mutti kocht und bedient mich, was ich anfangs noch mit schlechtem Gewissen, schnell jedoch mit Freude über mich ergehen lasse. Erst wenn ich vor dem abendlichen Kneipenbesuch mit alten Freunden vorwurfsvoll gefragt werde, wann ich denn wiederkomme, beginne ich das System zu hinterfragen: Hoppla, ich bin ja gar keine 16 mehr, auch wenn die konservierte Einrichtung meines Kinderzimmers samt alter und pickliger Partyschnappschüsse einen gegenteiligen Eindruck erwecken mögen.

War ich auch mal so?

„Und die Lisa, die hat jetzt geheiratet, wusstest du das? Hat mir der Michael letztens beim Treffen der Landjugend erzählt“ – alte Freunde wiederzutreffen bedeutet in der Regel für mich, auf den neuesten Stand des dörflichen Tratsches gebracht zu werden. Ein Moment, in dem Welten aufeinanderprallen. Wir sitzen in vertrauten Kneipen oder alten Kinderzimmern, wo auf den Regalen noch Lavalampen und CDs von Britney Spears stehen, und bringen uns gegenseitig auf den neuesten Stand. Doch nach zwei dreißigminütigen Referaten über Kinderplanung und Dorfkirmes zum einen und meinen mitunter auch arroganten Ausführungen zum hippen Urban-Life zum anderen, verstärkt sich der Eindruck, dass einen außer einer gemeinsamen Vergangenheit nur noch wenig miteinander verbindet. Da erscheint es fast unvorstellbar, dass man vor sechs Jahren noch unzertrennlich war.

Ein Umstand, der sich bereits an Kleinigkeiten wie der Getränkewahl festmachen lässt. Bestelle ich etwas abseits des Bierangebotes, werde ich sofort kritisch beäugt. Was für ein arroganter Schnösel, Krombacher und Saurer Apfel sind wohl nicht mehr genug für ihn. Für mich hat sich daraus ein Spiel entwickelt: Mal bestelle ich Martini, ein anderes Mal einen White Russian; Getränke, die ich sonst nie trinke. Aber die abwertenden Blicke um mich herum, wenn ich damit das Klischee der abgehobenen Königin aus der Großstadt erfülle, sind es allemal wert.

Sind meine heimatlichen Besuche am Ende tatsächlich nicht mehr als eine irritierende Zeitreise in die Vergangenheit? Nein, denn zugegebenermaßen gehöre ich ein Stück weit auch dort hin. Auch diese Erfahrung mache ich bei jedem Besuch. Es ist schön, alte Freunde zu treffen und mit ihnen in Erinnerungen zu schwelgen, sich von Mutti bekochen zu lassen oder beim Bummeln durch die familiengeführten Geschäfte der Innenstadt, Kollektionen zu finden, die Karstadt schon vor fünf Jahren aus dem Sortiment genommen hat. Die einengende Beschaulichkeit der Provinz mit all ihren vertrauten Elementen strahlt auch ein wenig Geborgenheit aus. Und das ist es doch, was Weihnachten ausmacht. Ich komme gerne nach Hause. Nightlife und Urban Culture habe ich den Rest des Jahres zu genüge.

 
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