Müll statt Mensa – Containern aus Überzeugung

Müll statt Mensa – Containern aus Überzeugung

Deckel auf, Luft anhalten und los. Wo andere ihren Abfall abladen, gräbt sich Sven mit bloßen Händen durch die modrige Masse. In Mülltonnen sucht er nach Essen. Denn der Biologiestudent mit langen Dreadlocks und ausgewaschenem Shirt ernährt sich ausschließlich durch das sogenannte Containern. Containern ist eine Bewegung, deren Anhänger Abfall nach Essbarem durchsuchen, auch wenn es Überwindung kostet. Es ist eine Frage der Haltung.

Seit einiger Zeit geht Sven regelmäßig Containern. „Ich kauf nur noch auf Lücke, also wenn ich zum Beispiel kein Brot in den Mülltonnen gefunden habe.“ War der Grund für das Containern am Anfang noch Geldnot, macht er es jetzt aus Überzeugung, um ein Zeichen gegen die Verschwendung von Lebensmitteln zu setzen. Geld hat er inzwischen wieder genug.

Als wollte er wie jeder andere einkaufen gehen, steuert er mit seinem Fahrrad und einer Einkaufstasche, auf der groß das Logo des entsprechenden Supermarktes zu sehen ist, auf die Eingangstür des Geschäftes zu. Kurz vorher biegt er jedoch ab und läuft weiter in Richtung Hinterhof. Dahin, wo die Mülltonnen stehen.

Auch in der Containerszene herrscht Konkurrenzkampf

Es ist helllichter Tag, in der Umgebung sieht man Menschen, die ihr Auto waschen, Gartenarbeit verrichten oder nur auf ihrem Balkon entspannen. Wer einen Raubzug mit Strumpfmaske und Taschenlampe in tiefer Nacht erwartet hat, irrt. Unweit der Mülltonnen stehen einige Angestellte des Supermarktes. Für einen kurzen Augenblick ist eine kleine Unsicherheit in Svens Blick festzustellen, doch dann geht er unbeirrt weiter. „Die werden schon nichts sagen.“

Einmal wurde er von einem Sicherheitsmann erwischt, der ihn aber wieder laufen ließ. Durch das Betreten des Hinterhofes begeht Sven Hausfriedensbruch, wofür ihn der Filialleiter anzeigen könnte. Die Sorge, dass das passiert, hat Sven nicht, denn die Supermärkte seien nicht an negativer Publicity interessiert, so ist seine Überzeugung. „Teilweise haben mir die Mitarbeiter auch schon Sachen in die Hand gedrückt.“ Eine Frage beschäftigt ihn aber: ob die Tonnen leer sein könnten, weil jemand schneller war als er. Auch in der konsumkritischen Container-Szene herrscht Konkurrenzkampf.

Am Hinterhof angekommen stellt er sein klappriges Fahrrad beiseite. Er zeigt auf den Zaun aus Metall, der die Tonnen schützen soll. „Oben und unten haben sie extra Zacken angebracht, damit keiner hereinkommt, doch ich klettere einfach außen herum.“ Im selben Moment springt er über die kleine Mauer des Nachbargrundstückes, um von dort aus über einen morschen Maschendrahtzaun doch noch zur Resterampe des Supermarktes zu gelangen.

„Wenn es eh weggeworfen wird, kann ich es auch essen“

Nun geht es los. Eine Tonne nach der anderen wird geöffnet. Ein Geruch nach vergammeltem Obst und Gemüse steigt dabei in die Luft und auch einige Fliegen schwirren um Sven und seine Einkaufstasche herum. Doch das stört ihn nicht. Sven wühlt sich durch verdorbene Salatköpfe, und ausgelaufene Milchtüten. Dabei zieht er Joghurtbecher sowie Brotpackungen hervor und inspiziert sie, als würde er in einem Discounter auf den Wühltischen nach einem preiswerten T-Shirt suchen. Unter anderem erbeutet er Cilli con Carne, Eier, Milch und Frischkäse, alles laut Mindesthaltbarkeitsdatum noch essbar. Sogar Erdbeeren mit Biosiegel findet er, die auf den ersten Blick makellos erscheinen und auch gut riechen.

Viele dieser Dinge hätte sich Sven früher nicht gekauft, aber bevor sie weggeworfen werden, nimmt er sie gerne mit. Er isst sogar wieder Fleisch, obwohl er vorher überzeugter Vegetarier war. „Wenn es eh weggeworfen wird, dann kann ich es auch essen.“ Den Magen verdorben hat er sich noch nie, denn zu Hause wird an allem noch einmal genau gerochen, im Zweifel probiert und ohnehin alles gründlich abgewaschen.

Nach wenigen Minuten ist der Student fertig. Er klettert mit einer prall gefüllten Einkaufstasche und einem zufriedenen Lächeln im Gesicht zurück, nimmt sein altes Fahrrad und schlendert wieder zur Straße. Neben ihm läuft ein Mann über den Bürgersteig auf dem Weg zu seinem Porsche, ebenfalls mit einer großen Tüte in der Hand. Er hat jedoch für die Dinge in der Tüte bezahlen müssen. Gegen den Vorwurf, Sven würde alles kostenlos bekommen, wehrt sich der Student: „Schließlich kostet mich das Holen und Waschen der Lebensmittel viel Zeit.“

Sven will sich durch das Containern ernähren, solange es funktioniert, auch wenn er es gleichzeitig schlimm findet, dass so viel Essen weggeschmissen wird. Er wünscht sich von der Regierung ein Gesetz, dass das Wegwerfen von essbaren Lebensmitteln verbietet. „Nahrung gehört nicht in den Müll, sondern in unsere Mägen.“

 
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