Generation „Weiß nicht“: von der Angst, etwas zu verpassen

Generation „Weiß nicht“: von der Angst, etwas zu verpassen

Klare Ansagen sind out. Wer sich bis zum letzten Moment alle Türen offen hält, ist bereit, wenn sich kurzfristig das große Abenteuer ankündigt. Doch statt des Abenteuers ergibt sich meist eher Frust: bei denen, die wir hinhalten, und bei uns, weil die Zusage im letzten Moment manchmal doch zu spät ist. Doch warum fällt es uns so schwer, Stellung zu beziehen?

„Hey Nina, hast du Lust, heute Abend ein Bier zu trinken?“ „Hallo Peter, sorry, aber ich weiß noch nicht. Marie wollte sich eventuell nochmal bei mir melden…“ – eine Konversation, wie sie täglich zwischen Tausenden von Smartphones ausgetauscht wird. Statt klarer Antworten gibt es leere Worthülsen. Denn vielleicht meldet sich Marie tatsächlich noch oder es ergibt sich gar etwas Besseres. Wer sich zu früh festlegt, verpasst vielleicht den besten Abend seines Lebens. Und warum muss man sich überhaupt schon so lange im Voraus festlegen? Spontanität und Flexibilität sind die beiden Zauberwörter.

Dank unserer 500 Kontakte in sozialen Netzwerken kommen wir mit unzähligen Optionen, unsere Freizeit zu verbringen, in Berührung. Ob Partys, Konzerte oder Fußball – es gibt so viele Möglichkeiten, den Abend zu verbringen. Doch was auf den ersten Blick als große Chance erscheint, ist auf den zweiten Blick mehr Fluch als Segen. Denn plötzlich gilt es, sich zu entscheiden. Und eine Entscheidung für eine Sache ist gleichzeitig eine Entscheidung gegen eine andere. Alles kein Problem, wäre da nicht unser Selbstoptimierungswahn.

Der Fluch der Freiheit

In dem Wunsch, immer die beste Möglichkeit zu wählen, setzen wir uns selbst unter Druck. Jeder Abend muss besser sein als der davor. Auch wenn es Spaß macht, ein Bier mit Peter zu trinken, ist der Spaß dann vorbei, wenn am nächsten Morgen Partyschnappschüsse von Freunden auftauchen. Was? Party? Und ich habe es verpasst? Was wir am Ende machen, ist zweitrangig, solange wir glauben, dass es die beste Option war. So wird selbst der belanglose Besuch in einem Café zu einem Tanz unter dem Damoklesschwert.

All diese Probleme sind tatsächlich nicht bloß eine Modeerscheinung, sondern hängen mit dem gesellschaftlichen Wandel der vergangenen Jahrzehnte zusammen. In der Soziologie wird diese Entwicklung Individualisierung genannt. Denn neben den unzähligen Möglichkeiten, die unserer Generation geboten werden, ist es vor allem die Befreiung von traditionellen Normen, die unser Entscheidungsverhalten beeinflusst. Frei von sozialen Zwängen entscheiden wir aktiv und allein, was wir wollen; unabhängig von den Erwartungen unseres Umfeldes. Sätze wie „Das gehört sich nicht“ oder „So etwas macht man nicht“ sind Relikte vergangener Zeiten.

Ein Beispiel dafür sind Beziehungen: Gab es früher nur die Wahl zwischen „solo“ und „vergeben“, gibt es heute dank der Loslösung von traditionellen Beziehungsbildern viele Partnerschaften, die irgendwo dazwischenliegen. Ob Freundschaft plus oder offene Beziehung – die Grenzen verschwimmen und so wollen wir die Vorteile von allen Varianten genießen: die Liebe und das Vertrauen eines Partners, Abenteuer und Abwechslung von One-Night-Stands und die Unabhängigkeit des Singlelebens. Doch was theoretisch super klingt, ist in der Praxis unmöglich.

Photo via Visualhunt
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40 mal vielleicht – wie soll man damit planen?

Denn was wir häufig vergessen, ist der Frust auf der anderen Seite. Obwohl wir diesen selbst zu Genüge kennen. Ob als Partner, der gerne ein klares Bekenntnis statt einer lockeren Bettgeschichte hätte, oder als Freund, der gerne vor halb neun wissen möchte, ob aus dem Besuch in der Kneipe etwas wird oder nicht. Das Warten in Ungewissheit nervt. Und was gibt es Schöneres, als eine Party zu planen und am finalen Einkaufstag vor dem Bierregal zu rätseln, ob es fünf oder 15 Kästen sein sollten. Dieses Spiel aus Hinhalten und hingehalten werden führt häufig genau zum Gegenteil des geilsten Abends unseres Lebens: dem einsamen TV-Abend zu Hause.
Um diesem Dilemma zu entfliehen, braucht es zwei Dinge: Entschlossenheit und Entspannung. Ein Widerspruch? Nein. Statt Leute hinzuhalten, sollten wir ihnen klar sagen, ob wir mit ihnen ein Bier trinken oder zusammen sein wollen. Dieselbe Entschlossenheit sollten wir aber auch von unserem Gegenüber einfordern: Wer keine Ansage machen kann oder möchte, hat Pech gehabt, so einfach ist das.

Gleichzeit müssen wir uns aber auch entspannen und den Druck von uns nehmen. Vielleicht wird das Bier mit Peter nicht der beste Abend meines Lebens, aber schön wird es trotzdem. Und vielleicht entspricht meine Partnerin nicht der Idealvorstellung, die ich lange hatte, aber macht mich trotzdem glücklich. Vielleicht verzichten wir damit auf einen Teil unserer Möglichkeiten, aber befreien uns gleichzeitig von dem Druck, im ständigen Alles-oder-Nichts-Spiel der Freizeitplanung gewinnen zu müssen.

 
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