Erasmus in Litauen – Teil 4: Das Schweigen der Litauer

Erasmus in Litauen – Teil 4: Das Schweigen der Litauer

Im vierten Beitrag seines Erasmus Auslandstagebuchs berichtet unser Autor Daniel von schweigsamen Verkäufern, Busfahren 2.0 und anderen Alltagserfahrungen in seiner vorübergehenden Wahlheimat Litauen.

„Good evening.“ Während ich vergeblich auf eine Erwiderung warte, zieht vor mir eine apathische Verkäuferin ein Produkt nach dem anderen über den Scanner. Selbst beim Bezahlvorgang schafft sie es, jegliche Kommunikation mit mir zu vermeiden. Der Preis steht schließlich auf dem Display, warum also aussprechen, was für jeden ersichtlich ist. Während ich anfangs irritiert an meinen Grußformeln sowie „Danke“ und „Bitte“ festgehalten habe, habe ich mich mittlerweile der litauischen Kultur angepasst und schweige diese Situationen gemeinsam mit den Verkäufern aus. Integration geglückt.

Doch trotz vieler eigentümlicher Erfahrungen ist das Leben in Litauen nicht grundlegend anders als in Deutschland. Zwar sind dem Land die Spuren der sowjetischen Vergangenheit an vielen Stellen anzusehen, doch auch hier leben die Menschen in Häusern, kommunizieren fortwährend mit Smartphones und treffen sich abends auf ein Bier in den Kneipen. Die Unterschiede stecken dagegen oft im Detail.

Als Deutscher sind es besonders zwei Eigenschaften, die mir anfangs etwas befremdlich vorgekommen sind. Zum einen geht es dabei um die mitunter gewöhnungsbedürftigen Eigenheiten der litauischen Arbeitswelt – abseits der schweigenden Kassierer. So erklärte mir beispielsweise eine Mitarbeiterin einer Bankfiliale, wo ich meinen Studentenausweis (warum auch immer) abholen sollte, dass ich trotz des zuvor vereinbarten Termins entweder zwei Stunden warten müsse oder wann anders wiederkommen solle.

Ebenso hat sich mir bis heute nicht erschlossen, warum litauische Busfahrer prinzipiell nur die hinteren, aber nicht die vordere Tür öffnen. Jeder, der in Deutschland schon einmal in einem Bus saß, weiß, dass auf die Nutzung der hinteren Türen die Todesstrafe steht. Doch als ich einmal kurz nach meiner Ankunft direkt vor der vordersten Tür stand und dem Fahrer per Zeichensprache bat, die Tür zu öffnen, verwies er mich energisch auf die hinteren Türen, statt einfach kurzerhand die vordere Tür zu öffnen.

Die zweite Herausforderung in Litauen ist die Kommunikation auf Englisch. Da bis Anfang der 1990er Russisch die vorherrschende Fremdsprache war, können viele ältere Litauer nur wenig oder gar kein Englisch. Doch selbst bei Jüngeren ist die Kommunikation mitunter schwer. Oft sind es nicht nur fehlende Sprachkenntnisse, sondern auch die Art der Kommunikation, die mich irritieren. Manche Verkäufer, die ich auf Englisch nach etwas gefragt hatte, begannen energisch bis aggressiv mit mir auf Litauisch zu sprechen. Sicher darf man von mir verlangen, dass ich mich als Austauschstudent mit der Sprache des Landes auseinandersetze und Basics beherrsche, aber in eine europäische Hauptstadt könnte sich ja auch der ein oder andere Urlauber verirren.

Blechdosen 2.0

Wer nun glaubt, alle Unterschiede zu Deutschland seien negativer Art, irrt. Es gibt Dinge, in denen uns Litauen voraus ist. Das gilt insbesondere für die Digitalisierung. Ob in Restaurants, Bars oder gar Bushaltestellen: An vielen Orten ist kostenloses Wi-Fi verfügbar. Auch das Zahlen mit EC- und Kreditkarte ist hier selbstverständlich. Wollte ich in Deutschland in einer Bar ein Bier mit Karte zahlen, würde mir der Kellner vermutlich das Kartenlesegerät an den Kopf werfen und mich zum nächsten Geldautomaten schicken, doch in Litauen ist das selbstverständlich.

Selbst die alten Sowjetbusse sind weitaus moderner, als ihr Blechdosen-Look auf den ersten Blick versprechen mag. Dank App lässt sich ihre Position genau orten, sodass ich rechtzeitig weiß, ob es sich noch lohnt, zur Bushaltestelle zu hetzen. Zudem können dank eines digitalen Bezahlsystems Tickets gekauft werden, ohne dabei den gesamten Betrieb aufzuhalten.

Doch trotz des ein oder anderen Unterschieds beginnt man sich überraschend schnell an die neue Umgebung zu gewöhnen. Die meisten haben ihr Heimweh nach ein bis zwei Wochen vergessen und sprechen nach zwei Monaten gar über ihr Zuhause, wenn sie von Litauen und Vilnius sprechen. So wirkt der anfangs große Schritt ins Ausland plötzlich ganz klein und unspektakulär. Denn die europäischen Länder (selbst im dunklen Osten) sind sich in vielerlei Hinsicht ähnlicher, als es viele Erasmus-Studenten vorher vermutet hatte.

 
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