Erasmus in Litauen – Teil 2: Club los Vilnius – Animationsspaß im Vorhof von Sibirien

Erasmus in Litauen – Teil 2: Club los Vilnius – Animationsspaß im Vorhof von Sibirien

Im zweiten Teil seiner Erasmus-Serie berichtet unser Autor Daniel nach seiner Ankunft in Litauen von Startschwierigkeiten im Studium und einem mallorcareifen Animationsprogramm.

Eine gute Wahl habe ich getroffen, berichtet mir mein Taxifahrer auf dem Weg vom Flughafen zu meiner Übergangsunterkunft. „Vilnius ist sicher. Hier gibt es keine Migranten oder Muslime.“ Es folgt ein langes Schweigen, das wohl nur ich als im höchsten Maß unangenehm empfinde. Es wäre jedoch unfair, meinen ersten Eindruck von Vilnius auf dieses Gespräch zu reduzieren. Denn auch die Durchschnittstemperaturen von zehn Grad Celsius unter dem Gefrierpunkt sollen nicht unerwähnt bleiben.

Doch damit trotz widriger Umstände eine schnelle Eingewöhnung klappt, haben einige Studenten der Universität Vilnius ein großes Animationsprogramm für die internationalen Studenten in der ersten Woche erstellt. Mit Veranstaltungen von Karaoke über ein Pub Quiz bis hin zu einer „Bling Bling Welcome Party“ erinnert das Programm zwar ein wenig an eine Abschlussfahrt von Gymnasiasten. Doch auch wenn sich die ein oder andere der Veranstaltungen belächeln lässt, erfüllt das liebevoll erarbeitete Angebot seinen Zweck. Man lernt sich kennen. Etwaige Ängste, bis Sommer allein in einer litauischen Altbauwohnung sitzen zu müssen, sind somit vom Tisch.

„Wer war dein Lieblingslehrer in der Grundschule?“

Um auch den weniger extrovertierten Studenten zu ihrem Glück zu verhelfen, haben sich die litauischen Studenten noch ein besonderes Event ausgedacht: Speed Friending. Ähnlich zu Speed Dating lernt man bei dieser Veranstaltung bei Gameshow-Atmosphäre in hoher Schlagzahl neue Leute kennen. Dabei gilt es, mit seinem Gesprächspartner eine dreiminütige Konversation zu überstehen, bevor ein lautes Signal zum Platzwechsel auffordert. Die vorgegebenen Eisbrecher, oder besser Eisbremsen, wenn man davon ausgeht, dass „Icebraker“ kein Tippfehler war, helfen bei den Gesprächen jedoch nur bedingt: „Wer war dein Lieblingslehrer in der Grundschule und warum?“ Sicherlich eine der wichtigsten Informationen, die man über einen Menschen erfahren kann.

Erwartungsgemäß bleiben die meisten meiner Gespräche an der Oberfläche, denn nach Abkauen von Name, Alter und Land ist schon ein Drittel der Zeit vergangen, sodass die Unterhaltungen leider enden, bevor sie interessant werden könnten. Lediglich einmal erscheint es mir wie ein Segen, als nach peinlicher Stille das erlösende Signal zum Platzwechsel ertönt. Doch tatsächlich ergeben sich im Anschluss an diese Reise nach Jerusalem aus einigen der Gesprächsfetzen sehr interessante Unterhaltungen.

Zurück auf Start

Auch aus Studiensicht sind die ersten Tagen äußerst turbulent. Zugegeben, es ist allgemein bekannt, dass die überwiegende Mehrheit der zuvor im Learning Agreement gewählten Seminare noch einmal nach Ankunft auf den Kopf gestellt wird. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Die Gründe für die Seminaränderungen sind in meinem Fall vielfältig. In einigen Fällen überschneiden sich meine Seminare, da ich sowohl an der Kommunikationsfakultät als auch der Fakultät für internationale Beziehungen und Politik studiere, die sich erwartungsgemäß nicht miteinander abstimmen. In anderen Fällen sind die Gründe jedoch viel einfacher gestrickt: Denn mal finden die Seminare in letzter Sekunde doch nicht statt, ein anderes Mal haben sie plötzlich einen ganz anderen inhaltlichen Schwerpunkt als noch wenige Wochen zuvor in der veröffentlichten Beschreibung.

So sind auch die ersten Tage nach meiner Ankunft von intensivem Mailverkehr zwischen Vilnius und Düsseldorf geprägt, um irgendwie das noch verbleibende Kursusangebot in das Korsett der heimischen Prüfungsordnung zu zwängen. Das führt letztendlich dazu, dass persönliche Schwerpunkte und Interessen auf der Strecke bleiben. Die Entwicklung der russischen Politik, um die sich eines meiner Seminare dreht, ist an sich zwar ein spannendes Feld, aber hat nur wenig mit politischer Kommunikation gemein.

Bloß nicht ins Wohnheim

Die Mehrheit der Dozenten zeigt sich aber sehr entgegenkommend, sodass sich die meisten Probleme früher oder später lösen lassen. Doch trotzdem bleiben die ersten Tage nach Ankunft sehr stressig, sodass Dinge wie eine Erkundung der Stadt oder die Suche nach einer passenden Wohnung erst einmal unfreiwillig auf der Strecke bleiben. Gerade Letzteres stellt sich zu meiner Überraschung als schwierig heraus.

Zum einen stehen die Mietpreise im Stadtzentrum mit 250 bis 350 Euro für ein kleines Einzelapartment den deutschen Preisen nur bedingt nach. Zum anderen ist auch die Bereitschaft, an einen ausländischen Studenten für vier Monate zu vermieten, geringer als erhofft. Von zehn Anfragen bleiben neun unbeantwortet. Die verbliebenen Vermieter schreiben aus Höflichkeit „Nein, Danke“. Zwar bliebe die Alternative, mit zwei weiteren Zimmergenossen ein Zimmer in den veralteten Wohnheimen zu teilen. Doch auch nach einer erfolglosen Woche erscheint mir diese Option als wenig attraktiv. Zumindest jetzt noch. Denn 20 Euro pro Nacht für ein Airbnb-Apartment sind wahrlich kein Schnäppchen.

 
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